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Perspektiven

Eigenrisiko als Strategie

Key Takeaways

Jared Diamond

Gesellschaften und Institutionen scheitern meist daran, bekanntes Wissen nicht anzuwenden, weil die Anreizstruktur dagegen wirkt. Die LNG-Terminals 2022 belegen: Das Know-how für schnelle Genehmigungsverfahren war immer vorhanden.

Fallbefund

Genehmigungsverfahren, die im Normalbetrieb Jahre dauern, wurden 2022 für LNG-Terminals in Monaten abgeschlossen. Das System kann schnell, sobald der wahrgenommene Preis des Nicht-Handelns steigt.

Kernbefund

Eigenrisiko verändert die politische Dynamik. Eine Fabrik, die bereits zu einem Drittel steht, hat ein anderes politisches Gewicht als ein Antrag auf Baugenehmigung. Systeme reagieren auf Realitäten, nicht auf Pläne.

Im Februar 2020 begann Tesla mit dem Bau der Gigafactory im brandenburgischen Grünheide. Die finale Umweltgenehmigung folgte mehr als zwei Jahre später, im März 2022.

Dazwischen: laufende Bauarbeiten, parallel geführte Genehmigungsverfahren, juristische Auseinandersetzungen mit Umweltverbänden, öffentliche Debatten über Wasserverbrauch und Waldrodung. Tesla baute trotzdem weiter. Auf eigenes Risiko.

Das ist eine Geschichte über eine Strategie, die in Deutschland so selten angewendet wird, dass sie fast wie eine Ausnahme wirkt, obwohl sie in anderen Wirtschaftssystemen zur unternehmerischen Grundausstattung gehört.

Das Modell

Der Kern des Modells ist einfach: Wer wartet, bis alles genehmigt ist, wartet in Deutschland oft sehr lange. Wer beginnt, bevor alles genehmigt ist, schafft Fakten. Fakten verändern die politische Dynamik. Sie erzeugen Druck auf Behörden, Verfahren zu beschleunigen. Sie machen das Scheitern teurer als das Gelingen. Und sie verschieben die Frage von "Soll das genehmigt werden?" zu "Was passiert, wenn es nicht genehmigt wird?"

"Industrieprojekte wie die Tesla-Gigafactory wurden teilweise unter hohem Umsetzungsdruck und mit nachträglichen Genehmigungsprozessen realisiert", beschreiben Unternehmer dieses Muster. "Das System kann sehr schnell sein, wenn der Druck hoch genug ist, aber nicht im Normalbetrieb."

Gruppenbalkendiagramm: Relative Genehmigungsdauer im Normalbetrieb vs. unter Krisendruck für drei Projekttypen
Abb. 1 — Genehmigungsverfahren dauern im Normalbetrieb je nach Projekttyp deutlich länger als unter Krisendruck oder Eigenrisiko-Bedingungen. Der Unterschied ist keine Frage der Kapazität, sondern der Anreizstruktur. Eigene Recherche auf Basis öffentlich zugänglicher Projektdokumentationen, Bundesnetzagentur, BMWK 2022/2023.

Der Beweis

Das zweite große Beispiel ist jüngeren Datums und noch radikaler. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff und Deutschland innerhalb von Wochen seine Energieversorgung neu organisieren musste, entstanden LNG-Terminals an deutschen Küsten in einer Geschwindigkeit, die zuvor als strukturell unmöglich gegolten hatte. Genehmigungsverfahren, die in normalen Zeiten Jahre dauern, wurden in Monaten abgeschlossen. Das Flüssigerdgas-Beschleunigungsgesetz, das der Bundestag im Mai 2022 verabschiedete, schuf innerhalb von Wochen rechtliche Grundlagen, für die es unter anderen Umständen Legislaturperioden gebraucht hätte.

Solange Nicht-Handeln die sichere Option ist, wählen Systeme Nicht-Handeln. Sobald Nicht-Handeln teurer wird als Handeln, verändert sich das Verhalten schlagartig.

Was veränderte sich? Der wahrgenommene Preis des Nicht-Handelns.

Balkendiagramm: Genehmigungsdauer LNG-Terminals 2022 im Vergleich zu Referenzprojekten unter Normalbedingungen
Abb. 2 — LNG-Terminals, die 2022 unter dem Beschleunigungsgesetz genehmigt wurden, durchliefen Verfahren von drei bis fünf Monaten. Referenzprojekte unter Normalbedingungen benötigen im Durchschnitt 36–60 Monate. Bundesnetzagentur; BGBl. 2022; Projektberichte Deutsche ReGas und Deutsche Energy Terminal.

Die Logik dahinter

Jared Diamond hat in "Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed" (2005) gezeigt, dass Gesellschaften und Institutionen meist nicht aus Unwissen scheitern, sondern weil die Anreizstruktur die Anwendung bekannten Wissens verhindert. Die LNG-Terminals bestätigen das: Das Wissen, wie man schnell baut und genehmigt, war immer vorhanden. Gefehlt hat der Anreiz, es anzuwenden.

Für Unternehmer stellt sich daraus eine unbequeme, aber wichtige Frage: Wenn das System unter Druck schnell werden kann, wie erzeugt man diesen Druck, ohne eine nationale Energiekrise abzuwarten?

Die Antwort, die Tesla in Grünheide gab, lautet: durch Eigenrisiko und durch Größe. Ein Projekt, das groß genug ist, um wirtschaftlich und politisch relevant zu werden, verändert die Kosten-Nutzen-Rechnung der Behörde. Clayton Christensen hat in "The Innovator's Dilemma" (1997) beschrieben, wie etablierte Systeme auf disruptive Veränderungen erst dann reagieren, wenn der Druck nicht mehr ignoriert werden kann. Dasselbe gilt für Genehmigungsbehörden: Sie reagieren auf Realitäten, nicht auf Pläne.

Eine Fabrik, die bereits zu einem Drittel steht, hat ein anderes politisches Gewicht als ein Antrag auf Baugenehmigung.

Die Grenzen

Das Modell hat einen Preis. Wer unter Eigenrisiko baut, trägt die Konsequenzen, wenn das Projekt am Ende doch nicht genehmigt wird. Tesla konnte dieses Risiko tragen. Die meisten mittelständischen Unternehmen können das nicht. Was daraus folgt, ist eine Einladung zur präziseren Frage: Unter welchen Bedingungen ist Eigenrisiko eine rational vertretbare Strategie, und welche strukturellen Veränderungen wären nötig, damit sie es auch für kleinere Akteure werden kann?

Gruppenbalkendiagramm: Risikoverteilung im klassischen Genehmigungsmodell vs. Eigenrisiko-Modell
Abb. 3 — Eigenrisiko verlagert das Zeitrisiko auf das System und das Kapitalrisiko auf den Unternehmer. Das klassische Modell schützt das eigene Kapital, lässt aber Zeit- und Systemrisiko vollständig beim Antragsteller. Eigene Darstellung auf Basis von Christensen, C.: The Innovator's Dilemma, 1997; Unternehmerstimmen exnogroup 2024/2025.

"Projekte könnten unter Eigenrisiko gestartet werden. Wenn etwas scheitert, trägt der Unternehmer die Kosten. Wenn es funktioniert, wird es nachträglich legalisiert oder übernommen." Was wie Pragmatismus klingt, ist eine Systemkritik: Wer in Deutschland etwas Neues durchsetzen will, tut am besten so, als ob die Regeln bereits angepasst wären.

Quellen

  1. Christensen, Clayton: The Innovator's Dilemma. When New Technologies Cause Great Firms to Fail. Harvard Business Review Press, Boston 1997.
  2. Diamond, Jared: Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed. Viking, New York 2005.
  3. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: Flüssigerdgas-Beschleunigungsgesetz (LNGG). BGBl. 2022, Teil I Nr. 20.
  4. Bundesnetzagentur: Berichte zur Versorgungssicherheit und LNG-Infrastruktur 2022/2023. Bonn 2023.
  5. Unternehmerstimmen, exnogroup, interne Gesprächsdokumentation, 2024/2025.

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