←Perspektiven
Key Takeaways
Wolfgang Streeck
Gesellschaften reagieren auf strukturelle Herausforderungen selten mit Transformation, sondern mit Aufschub. Wer Zeit kauft, verschiebt Entscheidungen so lange, bis der Anpassungsdruck unübersehbar wird.
Daron Acemoglu / James Robinson; Anthony Giddens
Inklusive Institutionen sind die langfristige Grundlage für Wohlstand. Gleichzeitig formen Strukturen das Verhalten der Akteure, die sie reproduzieren. Regelkonformität ist rational, solange das System sie belohnt.
Kernbefund
Viele der Merkmale, die heute als Schwäche erscheinen, waren über lange Zeit Stärken. Deutschland betreibt ein leistungsfähiges System mit falscher Zielkalibrierung.
Es ist eine der hartnäckigsten Fehldeutungen in der deutschen Debatte über Wettbewerbsfähigkeit und Innovation: die Suche nach dem Schuldigen. Der träge Beamte. Der feige Politiker. Der risikoscheue Banker. Der ideenlose Manager. Wenn etwas nicht funktioniert, folgt die Frage nach der Person, die es hätte besser machen können. Dabei ist sie meist falsch gestellt und verdrängt damit die eigentlich relevante.
Denn was Deutschland in bestimmten Bereichen ausbremst, ist die konsequente Logik eines Systems, das sich über Jahrzehnte auf ein bestimmtes Ziel optimiert hat: auf Stabilität, Berechenbarkeit und die Vermeidung von Fehlern. In diesem Ziel ist es außerordentlich erfolgreich. Das Problem entsteht erst dann, wenn dasselbe System auf Situationen trifft, die nicht Stabilität, sondern Anpassungsfähigkeit verlangen.
Wolfgang Streeck hat in "Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus" (2013) beschrieben, wie westliche Industriegesellschaften auf strukturelle Herausforderungen nicht mit Transformation, sondern mit Aufschub reagieren. Man kauft Zeit, verschuldet sich, schiebt Entscheidungen weiter. Das gilt für Finanzsysteme. Es gilt in anderer Form auch für Regulierungssysteme: Statt Regeln anzupassen, die nicht mehr zur Realität passen, wird die Realität so lange ignoriert, bis der Anpassungsdruck unübersehbar wird.
Was dabei oft übersehen wird: Viele der Merkmale, die heute als Schwäche erscheinen, waren über lange Zeiträume Stärken. Die deutsche Konsensorientierung, das Prinzip der rechtlichen Absicherung vor dem Handeln, die föderale Verteilung von Verantwortung, der Schutz von Besitzständen durch institutionelle Verfahren: all das hat Deutschland zu einer der stabilsten und wohlhabendsten Gesellschaften der Welt gemacht. Daron Acemoglu und James Robinson zeigen in "Why Nations Fail" (2012), dass inklusive Institutionen, also solche, die breite Beteiligung sichern und Willkür verhindern, langfristig die Grundlage für Wohlstand bilden. Deutschland hat genau das gebaut.
Das Gebäude war nicht für eine Welt entworfen worden, in der sich die Anforderungen so schnell verändern wie heute.
Das System ist nicht kaputt. Es tut genau das, wofür es gebaut wurde. Aber wofür es gebaut wurde, ist nicht mehr das, was gebraucht wird.
Mariana Mazzucato argumentiert in "The Entrepreneurial State" (2013), dass der Staat nicht nur Rahmen setzen, sondern aktiv Richtung vorgeben muss. Innovationen entstehen nicht trotz staatlicher Einflussnahme, sondern oft wegen ihr, wenn der Staat bereit ist, Risiken zu tragen, die private Akteure allein nicht schultern können. Deutschland hat dieses Modell in der Industriepolitik der Nachkriegszeit erfolgreich angewendet. Im digitalen Zeitalter und in der Frage der regulatorischen Anpassungsfähigkeit ist es deutlich schwerer damit.
Anthony Giddens hat in seiner Strukturationstheorie beschrieben, dass Strukturen gleichzeitig das Handeln von Menschen ermöglichen und begrenzen. Menschen reproduzieren durch ihr Handeln genau die Strukturen, durch die ihr Handeln geformt wird. Auf Verwaltungen übertragen: Beamte handeln regelkonform, weil das System Regelkonformität belohnt. Dadurch reproduzieren sie das System, das sie zur Regelkonformität anhält. Dieser Kreislauf bricht nicht durch Appelle an Mut. Er bricht nur durch veränderte Regeln.
Das ist die eigentliche Botschaft hinter dem Begriff Systemproblem. Er ist kein Freifahrtschein für Verantwortungslosigkeit und kein Aufruf, niemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Er ist eine Einladung zur richtigen Analyseebene. Wer das System verändern will, muss fragen: Welche Regeln erzeugen welches Verhalten? Welche Anreize müssten verändert werden, damit andere Entscheidungen rational werden? Und wer hat die Macht, diese Regeln zu ändern?
Deutschland betreibt ein außerordentlich leistungsfähiges System mit falscher Zielkalibrierung. Das ist ein lösbares Problem. Aber nur dann, wenn man aufhört, nach dem Einzelnen zu suchen, der es verbockt hat, und anfängt, nach den Regeln zu fragen, die es unvermeidlich gemacht haben.
Deutschland betreibt ein außerordentlich leistungsfähiges System mit falscher Zielkalibrierung.
Quellen